Wieso jetzt immer #TagX ist und es nicht mehr Widerstand gab

von Neon-Citran

Am Montag haben zwischen 6000 und 8000 Menschen unter dem Hashtag #TagX gegen die Angelobung der schwarz-blauen Regierung in Österreich demonstriert (Bericht auf nochrichten.net). Damit wurde ein Zeichen gesetzt, aber die Angelobung selbst kam nicht ins Wanken. Ein Disaster für Kurz und Strache bleib aus. Was bei aller Konzentration auf diesen einen #TagX wichtig ist: Ab jetzt ist jeder Tag der Tag X, denn ab jetzt herrscht Alltag. Und ich frage mich, wo wir als linker Widerstand eigentlich stehen?

Denn im Vergleich zu hunderttausend Demonstrant_innen bei der letzten Regierungsbeteiligung der FPÖ im Jahr 2000 ist das Fazit bitter: Der Aufruf zum #TagX ist allein im Vergleich zur Bevölkerung Wiens ins Leere gegangen. Der Protest hat hauptsächlich Leute angesprochen, die seit Jahren für linke Politik mehr oder weniger regelmäßig auf die Straße gehen. (Die Schüler_innen vom Schulstreik sind teilweise eine tolle Ausnahme.) Wieso blieb der breite Schock aus?

Zum einen haben wir nach den Regeln gespielt und mit dem großen Paukenschlag bis zum Tag der Angelobung zu warten. Um eine große Menge Menschen für eine Demonstration zu begeistern, muss es entweder eine plötzliche Dringlichkeit oder Planbarkeit geben. Plötzlich aber ist diese Regierung nicht passiert – viele Menschen haben es seit Jahren kommen sehen. Und planbar war die Sache nicht wirklich, da der endgültige Termin für Montag erst am Freitag fix war.

Seit Wochen haben viele politisch interessierte Menschen vom #TagX gehört, aber auf Dauer hat so ein tagtäglicher Aufruf in den sozialen Medien keine Chance. Es geht dort um Neuigkeiten und die Angelobung war schnell nix neues mehr. Überhaupt ist das Programm der rechten Regierung mit all ihren Extremen und schlimmen Politiker_innen keine Überraschung. Das Skandalisieren rechtsextremer „Einzelfälle“ funktioniert nicht mehr, wir können nur noch Listen führen, mitschreiben.

Vielleicht ist es Zeit für Bescheidenheit. Im Moment gibt es keine Massenbewegung gegen die Zustände in Österreich. Um die dafür notwendigen Menschen müssen wir über sehr lange Zeit kämpfen, denn ohne sie ist kein Widerstand möglich. Und die alten provokanten Slogans ziehen nicht mehr. In einem gemeinsamen Statement der Redaktion hat //UNTER PALMEN mit „Österreich, du Arschloch!“ geendet, wohinter ich mich auch stelle. Aber wahrscheinlich müssen wir einzelnen Menschen sehr kleinteilig und nüchtern erklären, wieso wir das schreien. Und bisherige Ansätze scheinen dafür faktisch nicht geeignet.

Wo stehen wir? Sag es uns in den Kommentaren oder als PN.

(Illustration by Felix Schuster)

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