Mit Bilderbüchern die Welt so machen, wie sie dir gefällt! Ein Interview mit Carla von buuu.ch

Du fandest das tragische Schicksal von Max und Moritz schon immer strange? Rosa Feen haben dir nie wirklich zugesagt? Wir haben uns gefragt, wovon eigentlich aktuelle Kinderbücher handeln. Deshalb haben wir uns mit Carla getroffen. Sie sucht für das gemeinschaftlich betriebene Blog buuu.ch nach cooler Kinderliteratur, die nicht einfach in der Zeit stehengeblieben ist.

– by Die Eklatante & Neon-Citran.

Dabei entdeckt sie starke Frauenfiguren, bisher unerzählte Geschichten und frische Illustrationen. Gemeinsam haben wir darüber gesprochen, welche Rolle Bücher im Leben von Kindern spielen. Du findest buuu.ch auf ihrem Blog, Facebook, Instagram und Twitter!

Foto by Sophie Navratil.

//UP: Hey Carla, wie hat das mit buuu.ch eigentlich angefangen?
Carla: Angefangen hat es mit der Frage nach Rollenbildern. Meine Tochter war erst eins und wir hatten so Bildwörterbücher mit Hasen. Der eine Hase hatte eine rosa Nase und der andere eine orange. Und da habe ich mich gefragt, wieso eigentlich. Und tatsächlich war es dann so, der wütende und böse Hase war der Bub. Das hat man gesehen in der Gestik und in der Mimik. Im Gegensatz dazu war das Mädchen künstlerisch und noch irgendwie anders typisch. Und da habe ich mir gedacht, das kann es doch echt nicht sein, dass bei einem Bilderbuch zu einfachen Begriffen schon solche Zuschreibungen gemacht werden. Darüber wollte ich mich erstmal mit anderen austauschen, auch darüber schimpfen – genaueres gibt’s in der Rezension. Denn sonst redet ja niemand darüber, was Eltern ihren Kindern so vorlesen. Seitdem habe ich gemerkt, dass sich bei den Verlagen viel tut und es auch viele Leute gibt, die nach Empfehlungen suchen. Im englischsprachigen Raum gibt es einige Projekte und Sammlungen, aber auf Deutsch sind wir fast die einzigen.

Aber sind Kinderbücher überhaupt wichtig?
Ich glaub schon, dass das einen großen Einfluss hat. Sprache schafft Bewusstsein und genauso halt auch Bildsprache. Das nimmt man unterbewusst wahr und das prägt einen.
Kinder wollen sich auch immer mit irgendwas identifizieren. Wenn man ein Buch mit Kindern anschaut, zeigen sie auf die Bilder und sagen „Ich bin der, ich bin der, ich bin der“. Da ist natürlich die Frage, welche Figuren gibt es denn, mit denen sie sich identifizieren können. Beispielsweise schwarze Kinder, die irgendwie immer problematisiert werden, wo das Anderssein immer thematisiert wird und die nie einfach nur etwas erleben. Eine Mutter von einem schwarzen Kind aus Berlin hat das sehr geärgert, sodass sie dann einen eigenen Verlag gegründet und ein Buch geschrieben hat. Das hat ein schwarzes Mädchen als Hauptfigur und es geht um Freund_innenschaft, also das ist eine urliebe Geschichte.(i)
Und wenn dann unterschiedliche Perspektiven dargestellt werden und es bei den Figuren eine große Diversität gibt, zeigt es den Kindern auch, dass es okay ist, wie man eben ist. Und dass es auch okay ist, wenn man nicht der Norm entspricht.

Und ich find es auch wichtig, dass das Thema so behandelt wird, dass es der Zielgruppe entspricht und man nicht merkt, aha das Buch ist jetzt eher für die Eltern gemacht. Vor allem negative und schwierige Themen müssen natürlich sensibel und kindgerecht rübergebracht werden. Aber man kann es schon definitiv behandeln und den Kindern das erklären. Ich hab zum Beispiel ein Kinderbuch über Walter Benjamin bestellt. (Walter Benjamin war ein linker Philosoph, der von den Nazis zur Flucht und letztlich in den Selbstmord getrieben wurde). Da war ich erst ein bisschen skeptisch, aber dann hab ich’s mir angeschaut und es war sooo cool. Weil es geht im Endeffekt um Fluchthilfe und um Benjamins Fluchthelferin, die es wirklich gab. Aber halt so, dass die Kinder das auch gut begreifen können. Und es ist urschön gemacht, das kann ich voll empfehlen.(ii)

Woran erkennst du ein gutes Kinderbuch?
Es kommt auf viele Faktoren an, was das für ein Buch ist, es gibt ja so viele verschiedene Arten von Büchern. Bei Geschichten mit Menschen machen wir immer den Bechdel-Test, um zu sehen, ob darin auch Frauen- oder Mädchenfiguren vorkommen, die miteinander sprechen. (Erklärung zum Bechdel-Test: Ursprünglich zur Analyse von Filmen. Fragen: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen mit Namen? Sprechen sie miteinander? Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann?) Das ist schonmal ein erster Ansatzpunkt. Und sonst bei Sachbüchern und Bilderbüchern schau ich halt genau hin, zähle die Kinder ab, wie die dargestellt sind. Für jedes Buch ist eine andere Herangehensweise sinnvoll.
Generell kann man sagen, dass es eine gute Geschichte braucht, in der die Figuren keine Geschlechterklischees abbilden. Und die Bilder sind natürlich auch wichtig, die sollten in der Darstellung auch keine Vorurteile wiedergeben, also “so sehen Mädchen aus und so Buben”, sondern einfach liebe Bilder sein.

Es darf aber auch nicht zu belehrend sein, sondern die Beschäftigung mit dem Thema sollte eher ganz locker nebenbei passieren. Sodass es für die Kinder trotzdem eine spannende Geschichte ist.
Und was Bücher auch schaffen können, ist das Selbstwertgefühl von den Kindern zu stärken und zu sagen: so wie du bist, bist du okay. Es gibt viele Arten, wie man sein kann, und alles ist voll okay.

Danke für das tolle Interview, Carla! Viel viel mehr zum Thema Kinderbücher gibt‘s auf buuu.ch.

Verweise:

(i)Nelly und die Berlinchen – Rettung auf dem Spielplatz von Karin Beese und Mathilde Rousseau, erschienen bei HaWandel Verlag 2016.

(ii) Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin von Pei-Yu Chang, erschienen bei NordSüd Verlag 2017.

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