Eine kurze Geschichte aus dem hässlichen Österreich

[…] Und trotzdem: Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich denke, „Vielleicht verarschen sie mich. Vielleicht tauschen sie das Zeug am Ende um und holen sich die 70 Euro.“ Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich sie mustere. „Sie sind recht gut angezogen, für das was sie erzählt.“, denke ich mir. Aber beim zweiten und dritten hinschauen, sehe ich wie altmodisch das Gewand ist – die Gürtelschnallen und die Schuhe und ihre Hosen sind zu kurz. […]

– by Anna

– Foto von @paulgilmore_

Heute morgen hab ich eine Frau kennengelernt, die mich auf der Straße angesprochen hat. Sie hätte eine kurze Frage. Wissend, dass es im Endeffekt um Geld gehen wird, bin ich (trotzdem) stehen geblieben. Ich hab sie schon aus der ferne etwas verloren rumstehen gesehen. Sie hat mich gemustert. Und nun fragt sie mich: „Entschuldigen Sie bitte, brauchen Sie vielleicht eine Putzfrau?“ Immer noch verwundert, wenn mich Leute siezen, denke ich an mein verdrecktes WG Zimmer, lächle und schüttle den Kopf. „Nein. Leider.“ Sie mustert meine Kleidung. Ein mal alle heiligen Zeiten ziehe ich ein Markenshirt an. Sein kragen thront jetzt über meinem h&m Pullover.
„Wirklich nicht?“ – „Nein. – Wirklich nicht. Ich wohne in einer WG und kann mir keine Reiningungskraft leisten.“ Mit einem Blick auf meinen Kragen seufzt sie: „Schade.“ Darf ich sie etwas anderes fragen?“ Und dann beginnt sie zu erzählen: sie steht hier schon seit 6 Uhr morgens, ich sei die erste, die stehenbleibt und zuhört, sie dankt mir dafür. Sie erzählt, dass sie mit ihren Schwestern zu dritt mit 2 Kindern in einer kleinen Wohnung zur Miete lebt. Sie erzählt weiter, wie viel Geld Windeln kosten, und alles andere für ein Baby. Ich frage ob sie dort oder dort schon war, um Hilfe zu bekommen. Aber was erzähl ich ihr das? Sie kennt alles, rattert eine Liste herunter von Orten, wo sie und ihre Schwestern waren. Überall. „Aber so Leute wie wir, … , man bekommt nur Sachen und kein Geld, wenn man illegal ist.“ Sie erzählt weiter: „Es ist sehr schwer zur Zeit, sehr sehr schwer. Wir haben sogar Zettel aufgehängt. Bei Merkurbillasparhoferlidl. Und da haben sich auch ganz ehrliche gute alte Männer gemeldet. … Aber das ist auch keine Art Geld zu verdienen, oder?“
Erst jetzt begreife ich. „Naja“, sage ich leise, „also vor allem nicht, wenn man eigentlich nicht will.“ Furchtbar, denke ich.
Weil sie mich darum bittet, gehe ich mit ihr und ihrer Schwester einkaufen. Zu dm, Sachen für das Baby. Ich gebe viel Geld aus. Dann fragen sie mich nach etwas zu essen. Ich gebe ihnen 5 Euro. Wohlwissend, dass das einfach zu wenig ist.
Beim Einkaufen erzählt sie auch davon, dass der Notarzt letztens da war, weil es den Babys so schlecht ging. Die dürfen jetzt nur mehr teure Milch trinken, sagt der Notarzt. Deswegen kauft sie sich keine Medikamente mehr. Sie erzählt auch davon, wie sie ausgelacht, bespuckt und beschimpft wird. Und das sie nicht weiter weiß.
Und trotzdem: Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich denke, „Vielleicht verarschen sie mich. Vielleicht tauschen sie das Zeug am Ende um und holen sich die 70 Euro.“ Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich sie mustere. „Sie sind recht gut angezogen, für das was sie erzählt.“, denke ich mir. Aber beim zweiten und dritten hinschauen, sehe ich wie altmodisch das Gewand ist – die Gürtelschnallen und die Schuhe und ihre Hosen sind zu kurz.
„Und eigentlich ist es ja auch egal.“, denke ich mir. Denn wer zu solchen Mitteln greift, fremde Menschen auf der Straße nach Arbeit und Windeln zu fragen, braucht so oder so Unterstützung.

Am Ende nehme ich den Kassabon. Und schäme mich. Nicht nur dafür. Sondern für Menschen im Allgemeinen. Dafür, was diese Gesellschaft aus mir und anderen macht. Wer in Gemeinschaft solch widerwärtige Zustände schafft, hat schon verloren. Und als ich die Zeitung aufschlage und die Überschrift „Pros und Cons der neuen Regierung“ lese, frage ich mich, ob ich mich überhaupt noch fürchten soll. Es ist alles sowieso schon so im Argen.

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