Not just another tag on the wall – Teil 3: Hakenkreuze

Nazi-Symbole an den Hauswänden Wiens sind auch heute, 80 Jahre nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich, keine Seltenheit. Im folgenden Text erfährst du etwas mehr über die Hintergründe. Noch mehr dazu und zu anderen faschistischen bzw. rechtsextremen Symbolen findest du in der Broschüre „Just another tag on the wall? – Rechte Symbole auf Wiens Straßen“ der Antifa15. Die gibt es HIER online, oder du holst dir einfach eine kostenlos an einem dieser ORTE.

-by antifa15

„Bunte Plattenbauten, Himmel aschgrau / Yeah, hier sind wir zuhaus‘ / Uns’re Gangzeichen eingeritzt im Arm / Fenster, die mal Hakenkreuze war’n und Feuerzeugbrandnarben“ rappt Testo von Zugezogen Maskulin im Track „Plattenbau O.S.T“. Nicht nur eine triste Gegend und rauer Umgang, sondern auch umgestaltete Nazisymbole an der Wand sind also Teil des Alltags seiner Jugend in einer ostdeutschen Kleinstadt.

Wenn man in Wien in die Straßenbahn steigt und mal für ein paar Stationen die Augen aufmacht, kann man ruhig drauf wetten, auch eins zu entdecken: Ein gemaltes „Fenster“ an der Wand.

Manche Striche sind dicker als die anderen, es waren zwei verschiedene Dosen am Werk. Irgendwie gut eigentlich. Jedes Fenster beweist: Da hat wer ein Hakenkreuz, das Logo von Hitlers Nazi-Partei, nicht einfach so stehen lassen, sondern elegant in ein unauffälliges Kreuzkästchen umgewandelt.

Andersrum funktioniert die Rechnung leider auch: Es gibt in Wien scheinbar eine ganze Menge Leute, die auch heute die Nazis ganz schön gut finden. Wir haben die Nazi-Graffiti in Wien zum Anlass genommen, um uns damit zu beschäftigen, wies heute um organisierte Neonazis in Österreich steht. Es lässt sich feststellen: Seitdem die Nazis den 2. Weltkrieg verloren haben, gab es durchgehend (und auch gar nicht so wenig) Leute in Wien, die sich nach deren Vorbild organisiert haben – mal mit direktem, mal mit indirektem Bezug auf die Originale.

Wir gehen davon aus, dass das nicht nur mit dem Fortleben von faschistischen Traditionen zu erklären ist. Die Nazis übernehmen sehr viel von den ganzen Heimats- und Volksgemeinschaftsvorstellungen, die auch den demokratischen Politiker_innen wichtig sind.

Alexander Van der Bellen hat im Wahlkampf 2016 plakatiert: „Wer unsere Heimat liebt, der spaltet sie nicht“. Nazis würden dieser Aussage, wenn sie von einem der ihren kommen würde, sofort zustimmen. Wenn „Heimat“ was ist, was gespalten werden kann, ist mit „Heimat“ offensichtlich mehr gemeint als das Dorf oder die Stadt wo irgendwer halt wohnt. Wenn Spaltung befürchtet wird, ist eine Gemeinschaft, ein Kollektiv gemeint. Van der Bellen macht auch kein Geheimnis draus, was er sich da als Gemeinschaft denkt: „ÖSTERREICH dienen und keiner Partei“ heißt es auf dem nächsten Plakat. Er meint mit seiner „Heimat“ seine Wähler_innen: Das österreichische „Volk“.

Die Idee von „Heimat“ und „Volk“ als eine schöne Gemeinschaft, die man vor der Spaltung beschützen muss ist tatsächlich ganz falsch. In dieser Wirtschaftsweise, dem Kapitalismus, in der es um die Vermehrung von Geld geht, haben die Leute in Österreich nämlich gar nicht viel

gemeinsam: Manche sind reich, viele sind arm. Manche verdienen als Unternehmer_innen damit,dass sie andere für sich arbeiten lassen, andere müssen als Arbeitnehmer_innen für andere arbeiten, um irgendwie etwas zu verdienen. Wieder andere finden überhaupt keinen Arbeitsplatz und können gar nichts verdienen. So lange so gewirtschaftet wird, stehen alle als Einzelne mit dem was sie haben in einem Gegensatz zu den anderen. Lauter Gegensätze also – von Gemeinsamkeit keine Spur. Kein Wunder, dass es da strenge Regeln braucht und von der Regierung über die Gerichte bis zur Polizei eine Gewalt, die drauf aufpasst, dass die Leute nicht aufeinander losgehen.

Das einzig Gemeinsame, das diese Leute haben, ist dann auch, dass sie alle den österreichischen Gesetzen gehorchen müssen. Ob sie das wollen oder nicht werden sie nie gefragt. Ein „Volk“ ist also in Wahrheit eine Zwangsgemeinschaft. Die Gemeinsamkeit aller Patriot_innen oder Nationalist_innen, von Van der Bellen bis zu den Nazis, ist, dass diese Zwangsgemeinschaft als Gemeinschaft gedacht wird, die doch für alle ihre Mitglieder gut ist. Gründe für alle Widersprüche in der Gemeinschaft, wie etwa dem Widerspruch zwischen Arm und Reich, werden dann außerhalb der Gemeinschaft gesucht: Zum Beispiel im Ausland, den „Ausländern“ oder bei Leuten, die diese Gemeinschaft spalten wollen. Diese Idee ist übrigens genauso falsch, wenn die Gemeinschaft statt Österreich ein größeres Deutschland sein soll – wie es die Nazis wollen.

Die Nazis unterscheiden sich von weit verbreiteten nationalistischen Positionen also vor allem darin, dass sie ihre Heimat und ihre Volksgemeinschaft ganz besonders bedroht sehen und daher viel entschlossener gegen diese vermeintliche Bedrohung vorgehen wollen. Während es also ein gesellschaftlich anerkannter Wunsch ist, eine neue Regierung zu wählen, um die befürchtete Spaltung zu verhindern, sind die Nazis da grundsätzlicher. Sie sehen in der Demokratie, wo immer verschiedene Parteien sich um die Führung des Staates bewerben, selbst eine riesige Gefahr für eine Spaltung ihrer Heimat. Deswegen sind sie erbitterte Gegner der bestehenden Art, regiert zu werden. Sie greifen deswegen auch zu entsprechend extremen Mitteln – und werden schon als kleine Neonazi-Gruppen zu einer Bedrohung für alle, die sie als Feinde ausmachen.

(Mehr zu den Neonazis in Österreich und dem Verhältnis von Rechtsextremismus und Kapitalismus erfährst du in der Broschüre).

– yours Antifa15

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