Was ist die „befreite Gesellschaft“?

Viele linke Flyer, Facebook-Postings und Broschüren sprechen immer wieder von der „befreiten Gesellschaft“. Auch bei //UNTER PALMEN reden wir davon, schließlich wollen wir „alles grundlegend ändern“ (so unsere Selbstbeschreibung). Doch was soll diese befreite Gesellschaft bitte sein?! In diesem Artikel will ich ein klein wenig darüber nachdenken, was zumindest ich damit meine.

– by Flauschibärli

Zunächst: Wie stellst du dir eine befreite Gesellschaft vor? Diese Frage klingt dumm, weil es ums Träumen geht und Politik meistens mit den harten Fakten der derzeitigen Situation verbunden wird. Politik sollte sich aber tatsächlich um die eigenen Träume drehen. Für so einen Kalenderspruch braucht es aber keinen Artikel. Deshalb führe ich zumindest ein paar Wünsche an eine zukünftige Gesellschaft ungefähr aus. Was ich hier als meine eigene Vision verkaufe, ist eigentlich eine bunte Mischung aus Ideen, die ich aus der Tradition linker Gesellschaftstheorie zusammengeklaut habe.

Heute prägt vor allem der Wunsch nach „Sicherheit“ die Debatte darum, was die Gesellschaft den Menschen bieten soll. Allerdings sind damit aktuell Schikanen gegen Minderheiten oder weitreichende Überwachungsmaßnahmen gemeint. Eine befreite Gesellschaft sollte im Gegensatz dazu bedingungslose Sicherheit mit bedingungsloser Freiheit verbinden: Jede Person kann ihre individuellen Interessen verfolgen und sich dabei der allumfassenden Erfüllung ihrer Bedürfnisse sicher sein. Wohnung, Ernährung, medizinische Versorgung und Mitbenutzung der Infrastruktur auf bestmöglichste Weise sind hier selbstverständlich und an keine zu bringende Leistung geknüpft.

Doch nicht nur diese materielle Sicherheit ist garantiert, wir werden auch in unserer Persönlichkeit, Geschlechtlichkeit und Sexualität akzeptiert. Als Menschen begegnen wir uns nun wirklich gleichberechtigt, unsere Freiheit endet nur dort, wo wir anderen Menschen Schaden zufügen. Deshalb werden Unterdrückungsmechanismen wie Sexismus oder Rassismus aktiv bekämpft und es gibt auch keine_n Chef_in mehr. Jemandem etwas vorzuschreiben oder zu einer Arbeit zu verdammen ist das neue Tabu.

Da die persönliche Freiheit und Sicherheit mit der Gesellschaft aller Menschen zusammenhängt, muss diese Gemeinschaft neu organisiert werden. Dabei können alle mitreden und es wird nicht mehr danach gefragt, ob etwas Profit abwirft, sondern ob etwas für die Gemeinschaft sinnvoll oder lustvoll ist. Daraus entsteht eine nie dagewesene Selbstermächtigung, da nun alle mitgestalten und diese Verantwortung kein Privileg mehr von wenigen hundert Menschen unter Milliarden ist.

Die „befreite Gesellschaft“ ist in vielen Aspekten das komplette Gegenteil zur aktuellen Gesellschaft, sie steht im Kontrast dazu. Deshalb auch der alte Witz, dass die Linken vor allem wissen, was sie nicht wollen. Was wäre das? Nationalstaaten, Grenzen, Kapitalismus, -Ismen (wie z.B. Antisemitismus, Rassismus), … letztlich eine nie enden wollende Abschaffungsliste. Oft folgt darauf die Kritik, dass wir immer nur nörgeln. Wir meinen aber, dass in diesem „Nörgeln“ zumindest ein klares NEIN gegen den alltäglichen Wahnsinn enthalten ist. Und natürlich müssen wir darüber nachdenken, wie die befreite Gesellschaft aussehen soll. Aber eine 10-Punkte-Liste wird es dafür nicht geben, denn wir stehen erst ganz am Anfang.

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