Du wirst nicht, was du werden willst!

Was willst du einmal werden? Seit frühester Kindheit werden wir das gefragt. Was einem nicht gesagt wird: Diese Wahl ist niemals eine freie und zudem zum Scheitern verurteilt.

– by Neon-Citran

Seminare und Exkursionen zur beruflichen Orientierung in der Schule. Ausbildungs- und Berufsmessen. Portale zur Studienwahl. Portale zur Auflistung von Ausbildungsplätzen. Kleinanzeigen. Sammlung von Stipendien. Kataloge für ein freiwilliges soziales Jahr. Gründungs-Seminare für Start-Up-Interessierte. Und überall begegnen uns Fotos von verstört lächelnden Jugendliche, die so richtig für ihren Lebenstraum brennen.

Wir werden stets dazu gedrängt, uns auszusuchen, was wir „werden wollen“ bzw. „was wir machen wollen“. Dabei stellt diese Entscheidung scheinbar die größte Freiheit in unserer Gesellschaft dar.
Nun, wenn das dafür notwendige Kopfzerbrechen bereits bezahlt werden würde – meine Miete wäre für das nächste Jahr im Voraus bezahlt.
Denn man kann ob dieser Frage nur verrückt werden, weil bereits Frage falsch gestellt ist:

Denn die Frage lautet eigentlich, womit du einmal dein Geld verdienen willst. Das ist eine radikal andere Fragestellung. Hier geht es schon nicht mehr um die persönlichen Interessen und Wünsche, sondern darum, bei welcher Tätigkeit man seine Arbeitskraft gegen Lohn verkauft. In der PR der Berufsorientierung erscheint hingegen alles romantisch verklärt: Wer bei BMW die lackierten Türen poliert, hat sich das schon immer so erträumt.

Allerdings kann man sich noch nicht einmal das Wie der kapitalistischen Ausbeutung wirklich aussuchen: Du kannst nicht einfach sagen, dass du als Literaturwissenschafter_in dein Geld verdienen willst. Denn dafür musst du zahlreiche Selektionsverfahren und Prüfungen sowohl während der Ausbildung als auch bei der Suche nach bezahlten Stellen sowie bei der tatsächlichen Ausführung der Lohnarbeit bestehen. Da all diese theoretischen Möglichkeiten stark limitiert sind und du der Willkür der Autoritätspersonen ausgesetzt bist, regiert bald der unvorhersehbare Zufall. Dazu kommen vielfältige Unterdrückungsformen, die dich wegen deines Geschlechts, deiner Hautfarbe und vielen weiteren Faktoren massiv benachteiligen.

Von dieser zugleich vorhersehbaren und unvorhersehbaren Achterbahnfahrt reden die Messestände und Hochglanzkataloge natürlich nicht. Es scheint so einfach, American Dream: Gib dich selbst auf und werde das kapitalistische Selbst, das du schon immer seien wolltest. In der Realität ist selbst dieser Albtraum nicht möglich, weil der Aufstieg im Kapitalismus nicht die Regel, sondern die seltene Ausnahme ist.

Man kann nur manchmal aus dem fahrenden Wagen springen und darauf hoffen, dass man den nächsten erwischt. Aber viele rutschen ab. Inzwischen stänkern alte Herren in den Kommentarspalten der Tageszeitungen gegen die behauptete Unentschlossenheit der Generationen x, y und z – ganz so, als ob irgendetwas von ihrer Entscheidung abhinge.

Das könnte Dich auch interessieren...