„Gesunder Hausverstand“ – Volksmund meets Volksgemeinschaft

– by mini grantlo

Eine ominöse Macht scheint Österreichs Gesellschaft in den Fugen zu halten. Wer kennt es nicht? In seinem Namen maßregeln Eltern ihre Kinder. Politiker_innen verkaufen ihre Meinung mit Verweis auf ihn als absolute Wahrheit™. Und auch im Lebensmittelladen um die Ecke preist ihn das Verkaufsradio zwischen den Rufen nach der zweiten Kassa an: Es geht um den Hausverstand.

Die rhetorische Keule des „kleinen Mannes“

Ring frei, Runde eins: Eine x-beliebige Diskussion, egal zwischen welchen Leuten: Es werden die ersten Ansichten ausgetauscht – zuerst vorsichtig, dann immer hitziger fliegen die Wortfetzen. Die umliegenden Zuschauer_innen johlen. Es werden billige Phrasen mit  Argumenten vermischt. Um der eigenen Meinung den nötigen Schwung zu verleihen, kommt‘s: „Das muss man wissen, dass sagt doch schon der Hausverstand.“ Ein Tiefschlag, eindeutig. Doch der sitzt, es kehrt Stille ein. Dieser Kniff nimmt die Zustimmung vorweg, die die verständig nickenden Gesichter am Rand bestätigen. Wenn der Hausverstand das sagt, wer kann da widersprechen?!

Die vermeintliche Arena, in der die Diskussion stattfand, entpuppt sich schnell als Sandkasten und die Streitenden und Zusehenden als die örtliche Krabbelgruppe. Sie raufen darüber, ob die Dinosaurier rot oder grün waren. So zumindest lässt das Ende vermuten. Denn was ist das Anrufen des Hausverstands anderes als das kindliche „aber meine Eltern ham gesagt…!“? Er steht für eine vermeintliche Wahrheit, die alle kennen und der sie zustimmen. Ja scheinbar kennen und zustimmen müssen. Es ist keine weitere Begründung notwendig. Der Hausverstand ist eine Autorität! Und was Autoritäten sagen, wird eh ungern hinterfragt.
Abgesehen davon, dass Autoritätsargumente immer ein Fail sind, funktioniert dieser Trick wie folgt: Was der Hausverstand schon feststellt, darüber muss man selbst nicht mehr nachdenken; er zeigt sich als Alltagsvariante des Antiintellektualismus.

Der Hausverstand hat immer Recht!? Ähhmmm, nein!!!

Wenn nun beide Kinder sich auf die elterliche Autorität berufen, zeigt sich das Problem auf seinem Höhepunkt: Der Hausverstand ist für alle da. So sind es  manchmal die unterschiedlichsten Meinungen, die mit dem Hausverstand (oder seinem standarddeutschem Geschwisterchen, dem Menschenverstand) „belegt“ werden. Blöd nur, dass dieser scheinbar nicht weiß, was er will. Selbst die rechtsextreme Alternative für Deutschland (AFD) stellte sich als „Volkspartei des gesunden Menschenverstandes“ dar. Im Grunde wollen die Hausverständigen damit nur sagen: Wir sind klug, die anderen doof. Die Vielfalt und Komplexität der Wirklichkeit wird verkürzt und beschnitten, bis sie mit der eigenen Meinung übereinstimmt. Nicht nur die Dinos, die ganze Welt scheint entweder rot oder grün.

Der Hausverstand ist eine Ansammlung persönlicher Erfahrungen, kultureller und politischer Handlungsweisen und rechtlicher Regelungen sowie Prägungen der eigenen Erziehung. Und der politischen Ökonomie. Doch was meint das? Der Kapitalismus durchdringt alle gesellschaftlichen Beziehungen. Alle Dinge, also alles was wir produzieren und auch alle sozialen und ökonomischen Beziehungen, erscheinen als Waren und werden von uns so behandelt. Bspw.: Ganz in der Annahme, dass die Krabbelgruppe der Gesellschaft im Erwachsenenalter etwas zurückgeben müsste. Der Tausch für die sorglose Freude im Sandkasten ist der zermürbende Arbeitsalltag – so zumindest der gesellschaftliche Anspruch vieler. Diese Warenförmigkeit  scheint uns „natürlich“, als wäre es schon immer so gewesen. Jedoch ist dieses gesellschaftliche Verhältnis von uns so gemacht, es ist geschichtlich entstanden. Dieses System ist so komplex geworden, dass wir es selbst nicht mehr durchschauen. Auch der Hausverstand ist so entstanden. Er ist keine göttliche Eingebung oder biologische Konstante des Menschen, sondern Resultat der herrschenden Verhältnisse, in denen wir leben.

Ausschluss und Entmenschlichung aus Tradition

Der Hausverstand ist ein zierliches Pflänzchen. So möchte es dem Sprachgebrauch nach gehegt und gepflegt werden, denn es kann gesund oder ungesund sein. Während der eigene „gesunde“ Hausverstand für Wahrheit steht, ist der Menschenverstand der anderen falsch und fehlerhaft. Ungesund oder gar „krank“ ist alles, was dem eigenen Bild widerspricht. Das Krankhafte wird abgesondert, ausgeschlossen und als minderwertig gebrandet. Der eigene gesunde Hausverstand wird überhöht – man sieht sich und seine Gleichgesinnten als überlegen. Ein Spielart des Chauvinismus, der sonst im Sexismus und Nationalismus zu finden ist.

Im Nationalsozialismus (NS) hatte der Hausverstand noch den schmissigen Titel „Volksempfinden“. Klarerweise „gesundes Volksempfinden“. Dies gossen die Nazis sogar in Gesetzesform, anhand derer sie Kunst als „entartet“ verbrannten, ihre Justiz Todesurteile aussprach und Millionen Menschen systematisch vernichteten. „Recht ist, was dem Volk nützt“, sagte der als „Schlächter von Polen“ bezeichnete NS-Politiker Hans Frank. Das Volksempfinden spiegelte den völkischen Wahn der Masse, die keinen Platz bot für Individualismus und Kritik. Erst die Alliierten verboten die Strafbegründung nach „gesundem Volksempfinden“. Mit dem Sieg über die deutsch-österreichische Volks- und Vernichtungsgemeinschaft gingen Teile der Radikalität verloren, physisch sowie verbal.

Der Hausverstand zeichnet sich demgegenüber als seichte und ungefährliche Form des gleichen Elends ab. Strukturell finden sich gleiche Mechanismen im „Volksmund“, die in einer postnazistischen Gesellschaft verkleidet fortbestehen. Als verkürzendes, autoritäres, ausgrenzendes und antiintellektuelles Mittel ist er nicht geeignet für eine politische, soziale oder sonstige Debatten.

Um sich selbst aus der Unmündigkeit und freiheitsfeindlichen Gesellschaft zu befreien, bedarf es einer radikalen Kritik des Bestehenden. Lassen wir uns nicht von den Verhältnissen dumm machen!

 

Zum Weiterlesen:

– Theodor W. Adorno, „Minima Moralia. Reflektionen aus dem beschädigten Leben.“ Insbesondere Text Nr. 45.  //online unter: copyriot.com/sinistra/reading/agnado/minima

– Karl Marx, „Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral“. //online unter: mlwerke.de/me/me04/me04_331

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