Rechtsextremismus flauschig verpackt

– by Pünktchen Biberkopf & Neon-Citran.

Immer wieder posten sich die Rechtsextremen von der Identitären Bewegung mit ihren multimedial aufbereiteten Aktionen in die Herzen der Österreicher_innen. Was es mit diesen strammrechten Junggebliebenen auf sich hat, wollen wir vom Aktivisten Merz (Twitter @MenschMerz) des Kollektivs Von-Nichts-Gewusst (vonnichtsgewusst.blogsport.eu)erfahren.

Womit beschäftigst du dich als Teil der GruppeVon-Nichts-Gewusst?

Angefangen haben wir damit, zu schauen, in was für Subkulturen sich Neonazis und FaschistInnen rumtreiben. Ausgehend davon sind wir relativ schnell zu denen gekommen, die sich Identitäre Bewegung nennen. In den letzten Jahren haben wir dann eigentlich eine Art Mischung betrieben: Zum einen aktive Recherche, was viel darin bestand, einfach ihre ganzen Publikationen wie z.B. Videos anzuschauen und ihre Aufmärsche zu beobachten. Unsere Erkenntnisse haben wir dann veröffentlicht. Dabei wollten wir es aber nicht belassen, sondern wir haben auch ganz viel Bildungsarbeit in Form von Vorträgen und Workshops geleistet. Uns geht es darum, eine radikale linke Perspektive in diese Debatte hineinzutragen und eine Öffentlichkeit für unsere antifaschistische Recherche zu schaffen.

Wer oder was sind die Identitären und was ist ihr Ziel?

Die Identitären sind eine rechtsextreme Gruppierung, die sich bereits vor vielen Jahren in Frankreich gegründet haben. Erst 2012 wollten Personen aus dem neonazistischen Milieu und aus den völkischen Burschenschaften in Österreich eine Gruppe gründen. Ziel war es, etwas zu schaffen, das sich nicht mit dem Verbotsgesetz bestrafen lässt und nicht mit Neonazis in Verbindung gebracht wird. Im Rahmen der Identitären Bewegung wurden mehrere Vereine gegründet und es gab einiges an Aktivität, vor allem im Internet. Mittlerweile existieren in fast allen Bundesländern Untergruppen. Im Jahr 2014 expandierten die rechtsextremen AktivistInnen dann nach Deutschland.

Zu ihren Inhalten: Zum einen wollen sie ganz viele alte Inhalte des Rechtsextremismus durch neue Worte kaschieren, die harmloser wirken. Das ändert aber wenig an der Gefährlichkeit ihrer eigentlichen Forderungen. Sie wollen Ethnopluralismus, was im Endeffekt heißt, dass alle „Rassen“ bzw. Kulturen in den jeweiligen Staatsgrenzen verbleiben sollen und so etwas wie Migration verunmöglicht wird. Zum anderen stellen sie sich ganz stark gegen die aktuelle gesellschaftliche Situation. So sollen alle Leute, die im Rahmen der Flüchtlingsbewegung nach Österreich gekommen sind, wieder in ihr Herkunftsland deportiert werden. Das nennen die Identitären beschönigend „Remigration“. Das führt uns zu einer Verschwörungstheorie, die sich ganz viele rechtsextreme Gruppierungen teilen: Es finde ein von unsichtbaren Mächten gesteuerter „Großer Austausch“ statt, wobei die weiße Bevölkerung gegen Menschen aus anderen Ländern ausgetauscht werde. Das ist natürlich totaler Blödsinn. In diesem Konflikt sehen sich die Identitären als letzter Widerstand im Kampf gegen diese ausgedachte Verschwörung, was sie als „Reconquista“ (Rückeroberung) bezeichnen. Darin zeigt sich das Krieger-Gehabe der AktivistInnen. Im Zentrum der Identitären Bewegung stehen also Rassismus und antisemitische Verschwörungstheorien – was sie ständig abstreiten. Weitere Prinzipien sind aggressive Heterosexualität und Anti-Feminismus.

Die FPÖ sitzt in der Regierung und hat ganz ähnliche Ansichten. Macht das die Identitären nicht irrelevant?

Erstmal zur FPÖ: Diese erfüllt durchaus die Definition von Rechtsextremismus, wie sie Willibald I. Holzer erarbeitet hat (siehe dazu auch den Artikel von stoppt-die-rechten unter „Zum Weiterlesen“). Zudem sind durch Anbindung an die völkischen Burschenschaften auch Kontakte in den Neonazismus vorhanden. Verstärkt wird die Lage noch dadurch, dass die ÖVP letztlich alles zulässt, was sich diese Rechten ausdenken. Das führt dazu, dass politische Forderungen der Identitären in der großen Politik angekommen sind und dort auch weitaus effektiver umgesetzt werden. Aber die Identitären sind eben nicht auf Österreich beschränkt – es sind u.a. auch Gruppen in Deutschland, Frankreich und Italien aktiv.

„Die Identitären sind sehr leicht zugänglich.“

Welche Angebote werden von den Rechtsextremen an Jugendliche gemacht?

Ein ganz wichtiges Unterscheidungsmerkmal der Identitären von herkömmlichen Neonazis ist, dass sie sehr leicht zugänglich sind. Man kann im Internet von ihren Angeboten erfahren und auch der Zugang zu ihren Veranstaltungen ist sehr niedrigschwellig. Anders als in der Neonazi-Szene muss man keine eindeutigen Kleidungsstücke oder Tätowierungen haben. Natürlich gibt es andere wichtige Kriterien – vor allem sollte man ein weißer Mann aus Europa sein.

Dann gibt es schlichtweg viele konkrete Angebote, die sich an Jugendliche richten. Neben Stammtischen gibt es Freizeitangebote wie Wanderungen, Camping, Spielabende, Kegelausflüge oder Besuche bei Gruppen in Deutschland. Besonders im ländlichen Raum machen die Identitären eine Art rechte Jugendarbeit, die natürlich immer mit ihrer menschenfeindlichen Ideologie versetzt ist. Das Bedürfnis nach Gesellschaft wird ausgenutzt, um Kader für die eigene rechtsextreme Gruppe zu gewinnen.

„Zunächst bedient die Identitäre Bewegung etwas, was sehr gefragt ist: den Opferstatus des weißen Mannes.“

Wieso werden diese Leute nicht von antifaschistischen Gruppen angesprochen?

Zunächst bedient die Identitäre Bewegung etwas, was sehr gefragt ist: den Opferstatus des weißen Mannes. Sie reden davon, dass man die Jugendbewegung für Menschen ohne Migrationshintergrund sei. Dazu kommt, dass viele linke emanzipatorische Gruppen im ländlichen Raum viel schwächer aufgestellt sind, als es in einer Metropole wie Wien der Fall ist. Ein anderes Problem ist der schwere Zugang: Seitens der radikalen Linken gibt es erst seit einigen Jahren angesichts der rechten Zuspitzung in Europa vermehrt Überlegungen dazu, wie man sich für neue Leute öffnen kann. Da sind die Gruppen noch ganz am Anfang, aber es wird durchaus schon gute Arbeit gemacht – beispielsweise von eurer Zeitung oder dem Jugendtreffen First Step.

Zum Weiterlesen:

Von-Nichts-Gewusst, „Vom Schweigen der Opfer. Warum Schweigen nur den Rechtsextremen hilft“ (2017)
Artikel aus: vonnichtsgewusst

stoppt-die-rechten, „Was ist Rechtsextremismus und warum verwenden wir diesen Begriff?“
Artikel aus: stopptdierechten

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