Zu Recht das Nest beschmutzt

– by Neon-Citran.

Es ist eine österreichische Spezialität: Zunächst wird eine Atmosphäre geschaffen, die Erinnerungen an den Nationalsozialismus weckt. Dann nennen Künstler_innen die schreckliche Situation beim Namen. Daraufhin keift die österreichische Gesellschaft drauf los: Wer wagt es hier, das heimelige Nest der Heimat zu beschmutzen?!

Als Nestbeschmutzer_innen wurden seit dem Bestehen der zweiten Republik bereits zahlreiche Künstler_innen und andere Personen des öffentlichen Lebens diffamiert. Darin zeigt sich eine Haltung, die Kreativität und Meinungsäußerung nur solange duldet, wie sie der österreichischen Nation huldigen. Dieses Vorgehen erinnert teilweise an die ehemalige Kulturpolitik des Nationalsozialismus: Unliebsame Kunst wurde als entartet entwertet und möglichst vollkommen vernichtet – samt ihrer Erschaffer_innen. Nach 1945 umfasst die Repression nun u.a. persönliche Beleidigungen, mediale Hetzkampagnen, Verbote und indirekte Zensur beispielsweise durch die Streichung von Fördergeldern. In diesem Beitrag werden drei betroffene Personen vorgestellt, wobei es vor allem darum geht, wie diese Künstler_innen öffentlich bloßgestellt und an den Pranger gestellt wurden.

Elfriede Jelinek

Als vielleicht bekannteste zeitgenössische Schriftstellerin aus Österreich müsste Jelinek eigentlich befürchten, zur Nationaldichterin gemacht zu werden. Doch seit den 1980er Jahren wurde Jelinek zum Ziel mehrerer öffentlicher Hetzkampagnen, weil sie bis heute die verrohten Verhältnisse und die mangelnde NS-Aufarbeitung anklagt. Ein Tiefpunkt war die Plakatkampagne der FPÖ bei den Wiener Gemeinderatswahlen 1995, die folgenden Slogan umfasste: „Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk – oder Kunst und Kultur?“ Indem u.a. Jelinek abgesprochen wurde, Kunst zu machen, sollte die von ihr formulierte Kritik entwertet werden. Weil sie die kollektive Identifikation mit der österreichischen Nation gestört hatte, wurde sie nun für vogelfrei erklärt. Das war die Rache der Nationalist_innen, deren Selbstwertgefühl von der Idee eines tollen und unbescholtenen Österreichs abhängt.

Zum Opfer ließ sich die Autorin aber nicht machen. Im Gegenteil, sie setzte die Aufregung um ihr Werk immer wieder politisch ein: Als 2000 zum ersten Mal eine Koalition von FPÖ und ÖVP an die Macht kam, verhängte sie ein strategisches Aufführungsverbot ihrer Dramen in Österreich. Zusammen mit einem öffentlichkeitswirksamen momentanen Rückzug aus der Öffentlichkeit leistete Jelinek damit bewusst Widerstand. Scheinbar erbost ihr Schaffen gerade eine neue Generation an Rechtsextremen. So griffen AktivistInnen der Identitären Bewegung (siehe auch das Interview mit @MenschMerz in dieser Ausgabe) im Jahr 2016 eine Aufführung ihres Stückes Die Schutzbefohlenen im größten Hörsaal der Universität Wien an, wobei vor allem Laienschauspieler_innen mit Fluchterfahrung auf der Bühne standen.

Stefanie Sargnagel

„Heute hat sie eine Babykatze zur Seite getreten […]“. Durch diese Notiz über ihre Kollegin Lydia Haider und weitere polemisch zugespitzte Aussagen in einem Reisebericht löste die Autorin Stefanie Sargnagel 2017 einen Skandal aus: Hier würden Steuergelder von braven Österreicher_innen auf den Kopf gehauen, damit aufmüpfige Jungautorinnen süße Tiere quälen! Dass es sich um einen fiktiven literarischen Text handelte, war schnell vergessen; ebenso alle Verbrechen der österreichischen Geschichte, die größere Opfer forderten, als fiktive Babykatzen.

Ausgehend von einem Artikel der Krone-Zeitung wurden nun alle Geschütze der Boulevard-Presse und Hasskommentar-Schreiber_innen auf die Einzelperson Sargnagel gerichtet. Es kam zu einer Flut übelster Vergewaltigungs- und Morddrohungen. Natürlich handelte es sich beim Ziel dieses Hasses rein zufällig um eine Frau und um eine scharfe Kritikerin des österreichischen Stumpfsinns ausgehend von FPÖ und Stammtisch.

Christoph Schlingensief

„Scheiß Piefke!“ war zumeist die erbärmliche Kritik, die der Regisseur und Aktionskünstler während einer mehrtägigen Kunstaktion im Rahmen der Wiener Festwochen im Jahr 2000 zu hören bekam. Unter dem Banner „Ausländer raus!“ ließ Schlingensief ein kleines abgesperrtes Container-Lager vor der Wiener Oper errichten, in dem zwölf Asylbewerber_innen lebten. In Anlehnung an Big Brother liefen durchgehend Kameras – der Live-Feed war auf einer Website einsehbar – und jeden Tag konnte per Voting entschieden werden, welche Personen als nächstes abgeschoben werden sollten. Es war die erste Woche der Koalition von ÖVP und Jörg Haiders FPÖ. Diese gesellschaftliche Lage sollte durch die Kunstaktion auf eine Art Reality-Soap komprimiert werden. Schlingensief war mit einem Mikro vor Ort, in das immer wieder Einzelpersonen ihre zumeist wirren Botschaften in die Menge schreien konnten.

Während ganz Europa zunächst wegen einer solchen Regierung trotz nationalsozialistischer Vergangenheit erschrak, herrschte in Österreich Euphorie. Der Hass gegen Schlingensiefs Team fiel entsprechend groß aus, störten sie doch die nationalistische Harmonie. Natürlich war es gerade das Ziel der Beteiligten, ins Schussfeld der Krone-Zeitung und anderer Österreich-Fanatiker_innen zu kommen. Das Geschrei und die Zankerei der Menschenmenge vor dem Lager stellte das eigentliche Schauspiel dar. Während der Hass gegen alle als fremd geltenden Personen und die Abschiebung von Schutzsuchenden seit Jahren zum Alltag in Österreich gehörten, regte sich der Mob vor allem über die Rufschädigung von Österreich auf. „Piefkes raus!“ lautete der armselige Slogan dieser Tage – Schlingensief hatte ihr trautes Nest völlig zu Recht beschmutzt.

Zum Weiterlesen & Schauen:

Teresa Kovacs, „Sanktion und Selbstzensur“ (2014)
Artikel aus: Interkulturelles Wissenschaftsportal der Forschungsplattform Elfriede Jelinek

FM4, „Sargnagel, Babykatzen und der Hass“ (2017)
Artikel aus: FM4

Paul Poet, Ausländer raus! Schlingensiefs Container (Film 2002)

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